Gargellen – Schafberg – Madrisa (2.770 m) – Südrinne – Gandatal – Schlappiner Joch (2.203 m) – Schlappiner Spitze (2.442 m) – Augstenberg (Biwak) – Valzifenzer Joch (2.485 m) – Nordwestgrat – Rotbühelspitze (2.853 m) – Westflanke – Valzifenzer Joch (2.485 m) – Gargellen
Wanderweg zum Gafierjöchle
Manchmal sind es gerade die Touren, bei denen man vorher nicht genau weiß, wie schnell man vorankommen wird, die besonders lange in Erinnerung bleiben. Für dieses Wochenende hatten wir uns eine abwechslungsreiche Überschreitung im Grenzgebiet zwischen Vorarlberg und Graubünden vorgenommen: zuerst auf die Madrisa, anschließend über die Schlappiner Spitze und nach einer Nacht im Freien auf die Rotbühelspitze. Eine ordentliche Portion Geröll, einsame Täler und ein paar Kletterstellen waren dabei von Anfang an eingeplant. Wie viel Zeit uns das Gelände tatsächlich kosten würde, sollten wir unterwegs herausfinden.
Da wir mit Biwakausrüstung unterwegs waren, mussten wir alles Notwendige für zwei Tage auf dem Rücken tragen. Wenigstens den ersten Anstieg konnten wir uns ersparen: Von Gargellen brachte uns am Morgen die Seilbahn in Richtung Schafberg. Dass die erste Etappe damit gemütlich werden würde, war allerdings ein Irrtum.
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Erster Tag – über die Madrisa zur Schlappiner Spitze
Vom Schafberg zur Madrisa
Das gute Wetter hatte viele Bergwanderer nach draußen gelockt. Schon auf dem Weg in Richtung Madrisa waren überraschend viele Leute unterwegs. Dabei ist der Anstieg über die Südflanke weder durchgehend markiert noch als regulärer Weg in der Karte eingezeichnet. Mittlerweile haben die häufigeren Begehungen aber einen gut erkennbaren Trampelpfad hinterlassen, und an manchen Stellen helfen Steinmänner bei der Orientierung.
Kurz vor dem Gafierjöchle bogen wir an einem namenlosen See in Richtung der großen Schuttflanke ab. Dort standen bereits die ersten Steinmänner. Auch wenn die Wegfindung damit einfacher war als erwartet, blieb die Flanke ausgesprochen brüchig. Angesichts der vielen Menschen oberhalb und unterhalb von uns setzten wir lieber die Helme auf. Wo so viel lockeres Gestein herumliegt, möchte man nicht von einem unachtsamen Tritt weiter oben überrascht werden.
Mit dem schweren Gepäck ließen wir es zwangsläufig etwas gemächlicher angehen. Erst gegen 11:30 Uhr erreichten wir den Gipfel der Madrisa auf 2.770 Metern. Kurz zuvor wartete noch eine kleine, mit Drahtseil gesicherte Kletterstelle im II. Grad. Von unten wirkte sie schwieriger, als sie sich bei der Begehung herausstellte. Oben hatten wir unser erstes Gipfelziel geschafft – und zugleich den belebtesten Teil unserer Runde hinter uns.
Durch die brüchige Südrinne ins Gandatal
Statt auf demselben Weg zurückzugehen, wollten wir auf der Südseite ins Gandatal absteigen. Dafür wählten wir eine steile Rinne, die eher von Skitourenbeschreibungen bekannt ist. Gleich am Anfang zeigte sie allerdings ihre unangenehme Seite: Das Gelände war außerordentlich lose, die Steine lagen kaum fest, und jeder Schritt erforderte Aufmerksamkeit.
Die ersten ungefähr 150 Höhenmeter waren entsprechend mühsam. Zudem führte oberhalb der Rinne der Normalweg zur Madrisa durch die Flanke. Wir hielten uns deshalb nicht länger als nötig in diesem Bereich auf – in solchem Gelände weiß man schließlich nie, ob von oben plötzlich etwas herunterkommt. Weiter unten wurde die Rinne allmählich gutmütiger und wir konnten wieder flüssiger absteigen.
Im Gandatal legten wir erst einmal eine Pause ein. Was für ein Gegensatz zum Trubel an der Madrisa! Hier waren wir praktisch allein und konnten die Ruhe genießen. Viel Zeit zum Ausruhen blieb allerdings nicht, denn der weitere Weg zum Schlappiner Joch führte durch ausgedehntes grobes Blockwerk. Mit den schweren Rucksäcken war das kein Gelände, in dem man besonders schnell Höhenmeter oder Strecke macht.
Erst gegen 15 Uhr – gute drei Stunden nach der Madrisa – standen wir am Schlappiner Joch auf etwa 2.203 Metern. Damit waren wir langsamer vorangekommen, als wir es ursprünglich gehofft hatten. Über Pfade auf der Südseite umrundeten wir nun zunächst die Schlappiner Spitze und erreichten ihren Gipfel schließlich von Süden, kurz vor 16 Uhr. Von hier ließ sich auch unser nächstes großes Ziel betrachten: die Rotbühelspitze mit dem langen Valzifenzer Grat.
Planänderung und eine kalte Nacht im Freien
Eigentlich hatten wir vorgehabt, den einladend aussehenden Grat noch an diesem Tag in Angriff zu nehmen. Doch inzwischen war es schon spät, und auch das Wetter machte uns nicht gerade Mut, noch eine längere Gratkletterei anzuhängen. So entschieden wir uns, die Rotbühelspitze auf den nächsten Morgen zu verschieben.
Wir stiegen in Richtung des wenig markanten Augstenbergs ab und suchten uns in seiner Nähe einen Platz für unser Biwak. Der Sommer 2015 war zwar ausgesprochen warm gewesen, aber ausgerechnet an diesem Wochenende zeigte sich die Silvretta von einer kühleren Seite und entsprechend frisch wurde die Nacht unter freiem Himmel.
Zweiter Tag – über den Nordwestgrat zur Rotbühelspitze
Morgens (endlich) in der Sonne zum Valzifenzer Joch
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Morgens zum Valzifenzer Joch
Am nächsten Morgen waren wir froh, endlich wieder in Bewegung zu kommen. Beim Aufstieg zum Valzifenzer Joch erreichten uns bald die ersten Sonnenstrahlen, und nach der kühlen Biwaknacht fühlte sich die Wärme besonders angenehm an. Am Joch auf etwa 2.485 Metern ließen wir einen großen Teil unserer Ausrüstung zurück. Den Nordwestgrat zur Rotbühelspitze wollten wir möglichst ohne die schweren Rucksäcke begehen.
Schon aus der Entfernung war zu erkennen, dass uns kein einfacher Wanderweg erwartete. Der Grat wirkte stellenweise steil und wenig einladend, und nicht immer konnte man auf den ersten Blick sehen, wo die günstigste Linie verlief. Gerade das machte die Unternehmung spannend – zumal wir unterwegs mehrmals genau hinschauen mussten, bevor wir uns für den weiteren Weg entschieden.
Ausgesetzte Platten und ein kleiner „Gratberg“
Die schwierigsten Passagen warteten gleich im ersten Teil des Nordwestgrates. Zunächst konnten wir nicht einfach der Gratkante folgen, sondern mussten sie nach rechts verlassen, einige Meter absteigen und eine ausgesetzte Platte queren. Dahinter erreichten wir wieder den Grat.
Bald stellte sich eine steilere Wand in den Weg. Von unten sah sie zunächst so aus, als käme man dort kaum weiter. Es gab aber verschiedene Möglichkeiten: eher links an der Gratkante oder rechts in einer Verschneidung. Ich schaute mir die Stelle erst genauer an und kletterte dabei mehrmals hinüber und zurück. Mit jedem Versuch wurde sie übersichtlicher – was zuerst abschreckend gewirkt hatte, ließ sich schließlich gut lösen. Ein kleines unfreiwilliges Zusatztraining war das trotzdem. ;-)
Auf dem folgenden Gratturm, der fast wie ein eigener kleiner Gratberg wirkt, wurde die Kletterei noch einmal besonders eindrucksvoll. Über eine schmale, luftige Schneide ging es weiter und auf der gegenüberliegenden Seite wieder einige Höhenmeter hinunter. An einem steilen Abbruch war zunächst kein sinnvoller direkter Weiterweg zu erkennen. Die Lösung bestand darin, ein paar Meter zurückzugehen, rechts über eine Platte abzusteigen und anschließend auf einem grasbewachsenen Band wieder in Richtung Grat zu queren.
Aus der Entfernung sah diese Passage ziemlich abenteuerlich aus. Sie war tatsächlich ausgesetzt und verlangte sorgfältige Wegfindung, doch der zweite Schwierigkeitsgrad wurde nicht überschritten. Gerade das genaue Lesen des Geländes war hier mindestens ebenso wichtig wie die eigentliche Kletterei.
Endlich auf der Rotbühelspitze
Hinter den schwierigeren Stellen wurde das Gelände technisch einfacher. Dafür wartete zum Abschluss noch eine anstrengende Schuttflanke. Nach all der konzentrierten Kletterei zog sich dieser letzte Abschnitt durchaus in die Länge. Gegen Mittag standen wir schließlich auf dem Gipfel der Rotbühelspitze auf 2.853 Metern.
Damit war das dritte große Gipfelziel der Tour erreicht. Besonders in Erinnerung blieb uns aber weniger die Zahl der Gipfel als die abwechslungsreiche Route hierher: vom geschäftigen Anstieg zur Madrisa über ein einsames Tal und eine kalte Biwaknacht bis zum luftigen Nordwestgrat. Schön, dass sich unser Entschluss vom Vortag, die Kletterei auf den nächsten Morgen zu verschieben, ausgezahlt hatte.
Durch die Westflanke zurück nach Gargellen
Für den Rückweg wählten wir die Westflanke der Rotbühelspitze. Dort fanden sich stellenweise sogar Markierungen, und nach der konzentrierten Gratkletterei war das Gelände deutlich weniger anspruchsvoll. An einem kleinen See zweigten wir nach Norden ab, stiegen durch den Schutt zurück in Richtung unseres Biwakplatzes.
Anschließend mussten wir noch einmal zum Valzifenzer Joch hinauf. Der Rückweg ins Tal war damit noch lange nicht erledigt. Immerhin blieb uns das Wetter in den entscheidenden Kletterpassagen wohlgesonnen: Erst als wir schon wieder auf dem Wanderweg unterwegs waren, setzte Regen ein. So ging es zwar nass, aber ausgesprochen zufrieden zurück nach Gargellen.
Eine Tour, die im Nachhinein vor allem durch ihre Gegensätze bestach: viele Menschen am ersten Gipfel und völlige Ruhe im Gandatal, brüchige Abstiegsrinnen und interessante Gratkletterei, eine kühle Nacht und die wohltuende Morgensonne. Nicht unbedingt die bequemste Art, ein Wochenende zu verbringen – aber eine sehr schöne.
